Die Veranstaltungsreihe „Religion & Moderne“ birgt viel Diskussionsstoff

„Wir bewegen uns nicht in einer Fertigwelt!“

Mit der Veranstaltung „Evolution der Ethik“ startet am Montag, 29.09.2019, die Reihe „Religion & Moderne“ im Heinrich Pesch Haus. Verantwortlich für die Planung ist Matthias Rugel SJ, Bildungsreferent im HPH. Er studierte Mathematik und promovierte in Philosophie des Geistes und Metaphysik. Der Jesuit gibt auch regelmäßig philosophische Kurse im HPH.
Ein Gespräch mit ihm über die Veranstaltungsreihe „Religion & Moderne“.

Worum geht es in den einzelnen Veranstaltungen? Was ist der gemeinsame Nenner?

Rugel: Die Klammer ist die Auseinandersetzung eines religiösen Weltbildes mit einem wissenschaftlichen Weltbild. Moderne steht dabei für alle Lebensbereiche wie Individuum und Staat, Wirtschaft und Wissenschaft.

Taugt Religion denn dazu, die heutige moderne  Zeit zu verstehen?

Rugel: Religion ist auf jeden Fall ein wichtiger Faktor in der heutigen Zeit. Es gibt zwar Physikalisten, die das bestreiten und behaupten, die Religiosität der Menschen sei heute nur noch als kleiner Rest vorhanden, der vom Aussterben bedroht ist – aus meiner Sicht ist das eine Fehlwahrnehmung. Da bin ich einer Meinung mit bedeutsamen Soziologen und Historikern.

Warum halten Sie das für eine Fehlwahrnehmung?

Rugel: Religion wandelt sich – schon immer. Es gibt Bereiche, da sind Menschen viel religiöser als noch vor 100 Jahren. Vor 100 und mehr Jahren hatten europäische Christen wenig Probleme damit, gegen ihre Nachbarn Kriege zu führen. Da sind zumindest wir Europäer heute viel friedfertiger. Das liegt auch an Menschen wie Gandhi oder den Menschen damals in Leipzig, die sich für eine friedliche Revolution einsetzten und dafür auch auf die Kraft des Gebets vertrauten. Heute können wir uns für Frieden und Verständigung mit unserer ganzen Individualität und Stärke, auch mit unserer Religiosität einsetzen.

Aber abseits von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen geht es ja auch um die Bedeutung von Religion in naturwissenschaftlichen und technischen Fragen. Wie steht es damit?

Rugel: Wir haben im Programm z. B. eine Veranstaltung zum Transhumanismus. Dazu kommt am Montag, 10.02.2020, Prof. Dr. Heinrich Watzka SJ ins HPH. Im Transhumanismus geht es um die Verschmelzung von Mensch und Technologie. Gleichzeitig gibt es aber grundsätzliche Zweifel, ob etwa eine signifikante Verlängerung der Lebensspanne ohne Krankheit, die Umkehr von Alterungsprozessen oder die Ausbildung kognitiver und emotionaler Fähigkeiten mit Hilfe von Technologie erstrebenswert sind. Bei diesen Fragen beginnen wir zu diskutieren – und das ist wichtig!

Was sind also – auf einen Nenner gebracht – die Fragen von Religion versus Moderne?

Rugel: Es wird uns suggeriert, dass alles funktionieren muss. Man denkt, man muss für ein Problem nur ein Programm schreiben, und dann klappt es schon. Aber in dieser Vorstellung liegen Tücken, bei denen Religion, aber auch Philosophie und Psychologie etwas „Mehr“ dazu geben können.

Und warum brauchen wir dieses „Mehr“?

Rugel: Ich bin überzeugt, wir machen uns etwas vor, wenn der Zugang zur Welt für uns eine reine Frage von Machbarkeit ist. Wir bewegen uns doch in einer quirlig lebendigen Realität und nicht nur in einer „Fertigwelt“.

Was ist eine Fertigwelt?

Rugel: Wir können uns nicht eine Welt konstruieren und dann denken, das ist sie jetzt. Zum Beispiel: Wäre das Gehirn eine Fertigwelt, so wäre es eine funktionstüchtige Maschine, aber es ist – mit  dem Titel unseres Vortrags von Thomas Fuchs (7.10.) gesprochen – ein sich ständig weiterentwickelndes „Beziehungsorgan“. Eine Analogie wäre hier: Wir können Instantnudeln essen, aber man sollte nicht meinen, sie seien der Höhepunkt des Genusses. Sie fordern unsere Geschmackssinne nicht heraus, für viele sind sie langweilig und eintönig. Mit der Vorstellung von einer Schöpfung, die uns Gott aus einer Packung von Vorgekochtem präsentierte, verhält es sich genauso. Oder mit einer Schöpfung, die nur die Ausführung dessen ist, was als Konstruktionsplan seit Jahrmillionen vorliegt. Dagegen vermute ich – um im Bild zu bleiben: Gott ist kein Instantkoch, kein Architekt, der alles genau nach Reißbrettskizze fertig macht, und wir leben dann mit diesem Geschaffenen. Ihm sind Individualität, Spontanität, Engagement und Kreativität wichtig – und so sollen wir die Welt immer wiedergestalten.

Wen möchten Sie mit diesen Fragen der modernen Welt erreichen?

Rugel: Alle, die sich Gedanken machen, wie die Welt läuft und funktioniert. Das können gerne spezialisierte Natur- oder Geisteswissenschaftlerinnen sein, aber auch Praktiker aus Erziehung, Bildung, Gesundheit und prinzipiell neugierige Menschen, die das große Ganze entdecken und reflektieren möchten.

Wieviel von Matthias Rugel ganz privat steckt in der Reihe?

Rugel: Viel! In meinem Weltbild ist der Mensch kein Ding, sondern ein Wesen, das beinahe jeden Moment ein intensives, momentanes Erleben spürt. Dieses Erleben geht weit über den Bereich des Menschen hinaus. Natürlich erlebt auch ein Tier, wohl auch eine Pflanze.

Mit meinem gläubig-philosophischen Blick gesagt: Gott hat eben keine Dinge gemacht, die Gesetzen folgen, sondern Einheiten geschaffen, die intensiv leben und kreativ die Zukunft mitbestimmen. Wie A. N. Whitehead vermute ich, dass Naturgesetze nur die Gewohnheiten der Dinge beschreiben, die sich prinzipiell aber ändern können.

Den Veranstaltungsflyer „Religion & Moderne“ finden Sie hier zum Download.

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