Fachtagung über Chancen und Grenzen in der Umsetzung eines Menschenrechtes

„Von Inklusion profitieren wir alle“

„Es ist normal, verschieden zu sein.“ Dieses Zitat stammt vom ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er sagte den Satz 1993 zur Eröffnung der Tagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte, und er wird gerne herangezogen, wenn über Inklusion diskutiert wird. Unumstritten ist, dass die gleichberechtigte Teilhabe Aller an allen gesellschaftlichen Aktivitäten ein Menschenrecht ist, das umgesetzt werden muss. Was aber bleibt, ist die Frage der Umsetzbarkeit. Bei einer Fachtagung im Heinrich Pesch Haus zu diesem Thema haben über 100 Fachleute aus unterschiedlichen Professionen darüber diskutiert, haben Grenzen ausgelotet und positive Beispiele betrachtet, Einblicke in ihre Praxis gegeben und bestehende Netzwerke gefestigt oder neue geknüpft.

Als Einblick in den Arbeitstag diente am Abend zuvor der bewegende Film „Berg Fidel“, der von einer inklusiven Grundschule in Münster erzählt. Dort gehören alle dazu: ob hochbegabt oder lernschwach, geistig oder körperlich beeinträchtigt. „Im Film kommen die Kinder zu Wort. Vier kleine Protagonisten erzählen mit Witz und Charme aus ihrem Schulalltag und sagen in ihrer unvergleichlichen Weise mehr als so mancher Erwachsene.“ So wird der Streifen besprochen.  Im Anschluss an den Film standen Hella Wenders, Regisseurin des Film und Katja Sambeth, Mitwirkende bei der Produktion, für ein Gespräch zur Verfügung. So wurde den Teilnehmenden der Aufbau der Schule genauer erklärt und die dreijährige Filmarbeit mit ihren bewegenden Momenten und auch Herausforderungen beschrieben.

Laut Arno Weber, Behindertenbeauftragter des Rhein-Pfalz-Kreises, hat der Film deutlich gemacht, dass Inklusion möglich und gut für alle sei. Er erinnerte aber auch daran, dass es derzeit zwei gegenläufige Tendenzen in der Gesellschaft gebe: auf der einen Seite eine zunehmende Akzeptanz und die Beobachtung, dass sich Menschen mit Behinderung „immer selbstverständlicher in vielen Bereichen der Gesellschaft bewegen“. Auf der anderen Seite gebe es, so Weber, eine steigende Zahl an schwerbehinderten, arbeitslosen Menschen sowie die Tendenz, Leistungen zur Teilhabe zurückhaltender zu bewilligen.  Dies sei zwar den leeren Kassen der Kommunen geschuldet, so Weber, doch man müsse sich fragen, was mehr koste – die lange gerichtliche Auseinandersetzung um Leistungen oder das konstruktive Miteinander aller Beteiligter zum Wohl des Einzelnen und die Entwicklung von Teilhabeplänen. „Die Gestaltung einer inklusiven Gesellschaft ist die Aufgabe von uns allen“, schloss Arno Weber.

Monika Kabs, Beigeordnete aus Speyer, kann aus vielen Perspektiven über Inklusion berichten: als Verwaltungsfachfrau, da es in Speyer zwei Schwerpunktschulen gibt, in der behinderte und nicht-behinderte Kinder zusammen lernen, als ehemalige Schulleiterin, die eine dieser Schulen mit entwickelt hat, sowie als Mutter eines erwachsenen autistischen Sohnes. Auch sie weiß: „Inklusion muss in den Köpfen aller stattfinden, sonst hat sie keinen Erfolg!“ Sie nennt das Kinderzentrum Ludwigshafen ein gelungenes Praxismodell, das eine mögliche Antwort gibt auf die Frage: „Wie wollen wir miteinander leben?“

Neben der medizinischen, therapeutischen und pädagogischen Förderung und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungsstörungen und Behinderungen, werden hier u.a. auch Eltern und Bezugspersonen beraten. Monika Kabs wird nicht müde zu betonen, dass Inklusion eine Bereicherung darstellt und ein größtmögliches Miteinander von Menschen in Verschiedenheit und Vielfalt ermöglicht. Die Schwerpunktschule, die sie mit auf den Weg gebracht hat, sei der Beweis dafür, „dass von Inklusion alle profitieren.“

Theoretische Inputs erhielten die Referenten durch zwei Fachvorträge, von Professor Dr. Theo Klauß über „Inklusion – das Einfache, das schwer zu machen ist“, sowie von Petra Wagner, die den Ansatz „Vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung als inklusives Praxiskonzept für Kindertagesstätten“ sprach. Professor Dr. Klauß betonte, dass die Frage, ob Menschen inkludierbar sind, in erster Linie mit dem System und gesellschaftlichen Voraussetzungen zusammenhängt. Es gehe darum, Menschen stark zu machen. Ziel müsse es darüber hinaus sein, das normale System zu stärken, statt Menschen mit Beeinträchtigung Sondersystemen zuzuweisen.

Beim Vortrag von Petra Wagner stand besonders die Verknüpfung von Theorie und Praxis im Vordergrund. Inklusion erfordere ein Verständnis von umfassender Herstellung von Bildungsgerechtigkeit aus. Entscheidend sei es, den Kindern ein Gefühl von Zugehörigkeit und Beteiligung zu vermitteln. Anhand praktischer Beispiele aus dem Alltag in Kindertagesstätten gab sie Anregungen zur Umsertzung.

Wichtig waren den Teilnehmenden auch die nachmittäglichen Dialogrunden, in denen sie sich über Praxisbeispiele, Chancen und Herausforderungen, persönliche Erfahrungen und herausfordernde Grenzen austauschen konnten. Zentrale Forderungen waren: In Zukunft müssten Theorie und Praxis noch stärker verbunden werden, und auch die Politik müsse in die Verantwortung genommen werden. Inklusiv zu arbeiten müsse schon in der Ausbildung von Fachkräften als Ziel festgelegt werden. Das Thema Inklusion müsse auch in Zukunft seinen Stellenwert in Wissenschaft und Praxis behalten.

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