Kontroverse am Aschermittwoch: Wie glaubwürdig ist die Kirche als Arbeitgeber?

Schwieriger Spagat oder „Doppelmoral“?

„Wasser predigen und Wein trinken“ – muss sich die Kirche diesen Vorwurf in ihrer Rolle als Arbeitgeber gefallen lassen? Das war die spannende Frage bei der „Kontroverse am Aschermittwoch“. Der interessante Schlagabtausch zwischen dem Journalisten Peter Wensierski und dem Finanz- und Personalvorstand des Deutschen Caritasverbands Hans Jörg Millies war eine Kooperationsveranstaltung.

Pater Gangolf Schüßler SJ als Bildungsreferent für den Bereich Ethik in Wirtschaft und Gesellschaft hatte den Abend gemeinsam mit den Wirtschaftsjunioren Mannheim-Ludwigshafen, dem Fachbereich Kirche und Wirtschaft der Erzdiözese Freiburg sowie der Evangelischen Akademie der Pfalz vorbereitet. Es war zugleich die Jahrestagung der Wirtschaftsjunioren und wurde in diesem Jahr in einem neuen Format abgehalten, welches sich mit 135 Teilnehmern regen Zuspruches erfreute: Eine spannungsgeladene Debatte mit vielen Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum sowie einem Stehempfang zum Abschluss. Der Abend begann mit einem ökumenischen Gottesdienst mit Spendung des Aschenkreuzes  in der Kapelle.

Mehrere Themenfelder bearbeiteten die beiden Referenten: Wie sind ethische Überzeugungen mit betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten in Einklang zu bringen? Sind die Kirchen als einer der größten Arbeitgeber – insgesamt rund eine Million Menschen arbeiten in Deutschland in einer kirchlichen Einrichtung – ein „normaler Akteur am Markt“, oder müssen für sie andere Maßstäbe im Hinblick auf Löhne, Tarifrecht oder Umgang mit den Mitarbeitern gelten? Und schließlich: Wieviel Loyalität dürfen Kirchen von ihren Mitarbeitern fordern?

Peter Wensierski ist Schriftsteller, Dokumentarfilmer und Journalist und arbeitet seit 1993 für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Deutschlandressort.  Er begann sein Statement mit der Aussage: „Wo Kirche drauf steht, ist viel Staat drin“ und folgerte daraus: Der Staat finanziere die kirchliche Arbeit – beispielsweise in Pflegeeinrichtungen, Kindertagesstätten und Krankenhäusern – und diskriminiere damit Menschen. Dies belegte er mit Kündigungen von Mitarbeitern in kirchlichen Einrichtungen, deren Lebensweise nicht den Anforderungen entspreche. „Kann sich die Kirche angesichts des Fachkräftemangels diesen Dogmatismus überhaupt noch leisten?“, lautete eine weitere Frage. Zudem kritisierte er scharf, dass kirchliche Einrichtungen ein eigenes Tarifsystem haben und dass es kein Streikrecht gibt.

In dieser letzten Frage verteidigte Hans Jörg Millies die kirchlichen Arbeitgeber. Er verwies dabei auch auf die Pluralität – insgesamt gibt es alleine in der katholischen Kirche 8250 Unternehmen oder Rechtsträger, die rund 24.000 Einrichtungen betreiben und rund 590.000 Menschen beschäftigen. In ihnen gelten „Rechte und Pflichten“; so etwa der „Dritte Weg“ zur Tariffindung, die Rechte der Mitarbeitervertretungen, aber eben auch die Loyalitätsanforderungen. Der sogenannte dritte Weg ist der kirchliche Weg zur Tariffindung. Er ist konsensorientiert, wird in paritätisch besetzten Kommissionen ausgehandelt, in denen um einen Interessensausgleich gerungen wird, „und da brauchen wir weder Streikrecht noch Aussperrung.“

Engagiert diskutierte das Publikum mit den beiden Referenten. Dabei ging es auch um die Frage, ob die Gesellschaft kirchliche Unternehmen braucht, und ob die Kirche selbst solche Unternehmen brauche. Beides bejahte Millies. Als Beispiel nannte er Krankenhäuser in ländlichen Gebieten, welche nicht rentabel zu führen sind und sich gerade deshalb andere Träger aus diesen Gebieten zurückziehen; oder innovative Angebote wie Onlineberatung für suizidgefährdete Jugendliche; Kirche sei mehr als „Kanzel und Verkündigung“, nämlich Engagement in der Welt. Aber er nannte auch Felder wie Kur- und Rehaeinrichtungen oder ambulante Pflege, aus denen sich kirchliche Träger dann zurückziehen müssen, wenn sie nicht nach den Standards und Werten der Caritas – und da vor allem der Menschlichkeit – aufgrund von rigiden und teilweise unmenschlichen gesetzlichen Vorgaben geführt werden können. Hier versucht die Caritas ganz bewusst auf den Gesetzgeber Einfluss zu nehmen, damit er die Gesetze zum Wohle der Menschen verbessert.

Im Hinblick auf die Loyalitätspflicht der Mitarbeiter war Wensierski unnachgiebig. Er forderte von der Bischofskonferenz in diesem Thema, dass sie sich nicht dem Zeitgeist anpasse, sondern der Realität, und erinnerte an den Fachkräftemangel, der es der Kirche eigentlich nicht erlaube, weiterhin derart dogmatisch zu verfahren.

In der Zusammenfassung  des Abends von Dr. Sebastian Friese, dem Leiter des Fachbereichs Kirche und Wirtschaft der Erzdiözese Freiburg, wurde deutlich, dass es zwischen den ethischen Überzeugungen der kirchlichen Arbeitgeber und ihrem Handeln am Markt große Spannungen gebe. Zum einen habe die Kirche den hohen Anspruch: „Der Mensch steht im Mittelpunkt“; zum anderen sei sie am Markt ein Arbeitgeber wie jeder andere, der sich den Bedingungen dieses Marktes anpassen müsse. Bedeutet das aber, wie Wensierski es ganz ausdrücklich der Kirche rät? _ Sie dürfe sich nicht „auf das Glatteis der Welt begeben, was ihr nur schadet.“ Wenn man dies zu Ende denkt: Würde die Kirche damit nicht einen wesentlichen Auftrag ihrer Sendung verfehlen, nämlich den Armen zu helfen und an einer gerechteren Gesellschaft mitzuarbeiten?

brid / 15.02.2016

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