Franziskaner Bruder Niklaus Kuster über ein Jahr mit Papst Franziskus

„Radikale Orientierung an der Praxis Jesu“

Bruder Niklaus Kuster, Franziskaner und Theologe, ist seit einem Jahr ein gefragter Gesprächspartner. Aus franziskanischer Sicht beleuchtet er in seinen Vorträgen und bei Diskussionsveranstaltungen, wie er das Wirken von Papst Franziskus empfindet und bewertet.

Bei einem Vortragsabend im Heinrich Pesch Haus vor rund 40 interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern gelang es ihm ebenfalls, über das erste Jahr des Pontifikats dieses Papstes aus Südamerika kurzweilig und informativ Bilanz zu ziehen. Er begeisterte mit viel Charisma und Zugewandtheit. Am Ende seines Vortrags sprach Ulrike Gentner, stellvertretende Direktorin des HPH, noch einmal mit Bruder Kuster:

Kann ein mittelalterlicher Wanderbruder als Leitbild für den Papst im dritten Jahrtausend dienen?

Der Papst wurde nicht gewählt, um als Franziskaner zu leben oder Franz von Assisi zu imitieren, sondern um die katholische Kirche zu leiten. Er muss nicht wie der heilige Franziskus werden. Was mich jedoch überzeugt, sind seine Grundhaltungen, die er mit Franz von Assisi teilt: Die christliche Praxis ist wichtiger als die Lehre, berührende Zeichen wirken stärker als brillante Reden, Geschwisterlichkeit begegnet auf Augenhöhe, das Mitmenschliche statt das Meisterliche steht im Vordergrund, die Kirche wird als pilgerndes Volk Gottes geliebt und nicht als heilige  Monarchie konserviert.

Franziskanische Armut bedeutet auch nicht Verkauf aller Güter und Leben im Elend, sondern größtmögliches Teilen  und Überwinden menschlicher Not. Der Papst lebt diese Grundhaltungen mit allen Mitteln, die ihm sein Amt gibt. Deutlich wird das auch in seinem apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“.

Weshalb wird  „Barmherzigkeit“ zum Schlüsselwort seines Pontifikats?

Barmherzigkeit leitet sowohl das Tun des Papstes wie auch sein programmatisches Sprechen. Papst Franziskus begegnet jedem Menschen mit liebevoller Aufmerksamkeit. Das erleben jene, die er telefonisch kontaktiert, auf dem Petersplatz umarmt, auf der Insel Lampedusa besucht oder auf höchster politischer wie ökumenischer Ebene trifft. Er fordert die Seelsorgenden und alle Gläubigen auf, jedem Menschen im eigenen Alltag  achtsam und auf Augenhöhe zu begegnen. Dahinter steckt letztlich die radikale Orientierung an der Praxis Jesu.

Kann er das durchhalten?

Der  Papst erweist sich als Jesuit mit seiner klugen Vorgehensweise. Er stützt die Reform der Kirche auf einen Rat von acht externen Kardinälen. Er konsultiert Bischofskonferenzen in der ganzen Welt und befragt das Volk Gottes, beispielsweise zum Thema „Ehe und Familie“. Er arbeitet an einer Dezentralisierung der katholischen Kirche und entzaubert das monarchische Papstamt. Auf diese Weise gewinnt er breiteste Kreise an der Basis der Kirche – trotz Gegner – und leitet einen Wandel ein, der sich nicht zurückdrehen lässt.

Buchtipp:

Gemeinsam mit Martina Kreidler-Kos hat Niklaus Kuster ein Buch geschrieben: „Der Mann der Armut. Franziskus – ein Name wird Programm“ wird Ende April im Herder-Verlag erscheinen.
Zum Inhalt: Franziskus – ein Papst auf Augenhöhe. Franz von Assisi stand Pate bei seiner Namenswahl. Doch was kann der gelehrte Petrusnachfolger vom einfachen Bruder aus Assisi tatsächlich lernen? Was ist franziskanischer Geist für die Weltkirche heute? Kann sich die Spitze der Kirche mit Blick auf einen Mystiker an ihrer Basis neu orientieren? Was hat ein Mann des hohen Mittelalters der Kirche des dritten Jahrtausends zu sagen? Dieses Buch lässt Bruder Franz zu Papst Franz sprechen – hoffnungsvoll, nachdenklich und ermutigend. Es zeigt, wie der Heilige den Papst tatsächlich inspiriert – und erschließt damit zugleich zu großen Teilen das Selbstverständnis des Papstes. Und es geht der spannenden Frage nach, wie ein Charisma überleben kann, wenn es den Regeln des Amts unterworfen ist.

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