Bei einem Erzählnachmittag der besonderen Art berichten Menschen von gelingendem Miteinander

„Mehr Innovation und Kreativität dank Interkultureller Öffnung“

Vor etwa sieben Jahren übernahm eine Mitarbeiterin, die aus Moldawien zugewandert war, bei der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz die wichtige Aufgabe der Qualifizierung von Lehrkräften in Sprach-, Integrations- und Alphabetisierungskursen. „Inzwischen hat die Mehrzahl der neun Mitarbeitenden in der KEB Geschäftsstelle eine Zuwanderungsgeschichte – das ist gut so und eine Bereicherung für alle.“

Für Elisabeth Vanderheiden, Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz (KEB), ist dies eine der „GelingensGeschichten“, die jetzt bei einer Veranstaltung im Heinrich Pesch Haus in Kooperation mit der KEB erzählt wurden. Bei den Qualifizierungsangeboten für Lehrkräfte in Sprach-, Integrations- und Alphabetisierungskursen  der KEB liegt der Anteil der Zugewanderten deutlich höher als bei anderen Weiterbildungsmaßnahmen: bei 50 bis 60 Prozent statt bei fünf bis zehn Prozent wie im statistischen Durchschnitt aller Angebote. Nach dieser ersten Mitarbeiterin mit ausländischen Wurzeln kamen weitere Mitarbeiter/innen hinzu, die außer ihren hohen persönlichen und fachlichen Kompetenzen auch spezifische Zuwanderungserfahrungen aus Polen, Kasachstan und Ungarn mitbrachten.

Als besonders bereichernd erfahren die Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle auch die unterschiedlichen Konfessions- und Religionszugehörigkeiten: es arbeite(te)n katholische und evangelisch Christ/innen und Menschen jüdischen Glaubens. „Hier wünschen wir uns, dass diese Vielfalt, auf die wir nicht mehr verzichten wollen, noch ausgebaut wird“, sagt Elisabeth Vanderheiden.

Sie gibt zu bedenken, dass sich katholische Erwachsenenbildung an der Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft ereignet. Vielfältige Fragen und Themen gilt es zu bearbeiten und unterschiedlichste Zielgruppen in ihrer Vielfalt zu erreichen. „Interkulturelle Öffnung“, sagt auch Miguel Vicente, Integrationsbeauftragter im Land Rheinland-Pfalz, „ist ein Instrument, um den Anforderungen einer Einwanderungsgesellschaft gerecht zu werden.“ Dabei gehe es nicht darum, sich auf die Mentalität beispielsweise „der Südländer“ oder „der Flüchtlinge“ einzustellen und verstehen zu wollen, „wie sie ticken“ – sie gar in Schubladen zu stecken. Vielmehr sei wichtig zu akzeptieren, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Herkunftsländern die Gesellschaft vielfältiger machen. „Sie kommen mit ihren eigenen Talenten und Begabungen, die unabhängig sind von ihrer Herkunft“, betont Vicente.

Menschen, Strukturen und Organisationen müssen sich für Menschen öffnen – egal, woher sie stammen. „Wenn wir das nicht tun, hat das etwas mit mangelnder Gerechtigkeit zu tun“, sagt der Integrationsbeauftragte, „aber wir verlieren auch Innovationen und Kreativität, weil wir die Vielfalt nicht im Blick haben“.

Bei der Gestaltung von interkulturellen bzw. transkulturellen Öffnungsprozessen geht es um faktische Barrierefreiheit und Zugangsgerechtigkeit, hebt  Claude-Hélène Mayer heraus. Sie ist Autorin von zahlreichen Publikationen zur unterkulturellen Kompetenz und Kommunikation und zurzeit tätig als Professorin für Organisationspsychologie in Pretoria, Südafrikea.

Zudem hat sie mit Elisabeth Vanderheiden das „Handbuch Interkulturelle Öffnung“ herausgegeben. Es bietet theoretische Hintergründe, aber vor allem Beispiele aus der Praxis, wie interkulturelle Öffnung funktioniert und welche Methoden dabei hilfreich sein können. Eine Möglichkeit ist das „Storytelling“, dass Menschen voneinander erzählen, über ihre Erlebnisse berichten, Erfahrungen austauschen.

Genau das war das Anliegen der Veranstaltung im HPH. Menschen aus unterschiedlichen Organisationen, aus Management und Verwaltungen, von Wohlfahrtsverbänden und Altenheimen, aus Kitas und Weiterbildungseinrichtungen nahmen die Möglichkeit wahr, von den Ideen Anderer zu profitieren, „denn in Sachen Interkulturelle Öffnung sind viele von uns leider Einzelkämpfer“, erzählt Vanderheiden.

Ulrike Gentner, stellvertretende Direktorin des HPH und Leiterin der Familienbildung, kann auch Erfolgsgeschichten aus Ludwigshafen erzählen: „In verschiedenen Kitas klappt das schon ganz wunderbar“, freut sie sich. Da Kinder und Eltern hierhin freiwillig kommen, ist eine wichtige Hürde bereits genommen. Durch Spracherziehung sowie durch das entwicklungsbedingte Ausbilden von Eigen- und Fremdwahrnehmung nehmen Kinder eine unverkrampfte Haltung zu Menschen aus anderen Kulturkreisen ein, „und oft ist interkulturelles Arbeiten auch im Leitbild der Einrichtungen verankert.“

Die Erzählwerkstatt, das freie Erzählen von Geschichten aus allen Kulturkreisen, kombiniert mit Festen, ist laut Ulrike Gentner ein weiteres gutes Projekt, um Fremde zu Vertrauten werden zu lassen. Erzählt wird in Ludwigshafen inzwischen in Kitas, in Mehrgenerationenhäusern und in Senioreneinrichtungen, und überall machen Menschen auch die Erfahrung, dass Geschichten Brücken bauen, Werte teilen und Fremdheit überwinden. Nach Meinung von Ulrike Gentner ist interkulturelle Öffnung in der Gesellschaft dann geglückt, „wenn wir sie nicht mehr thematisieren müssen“. Das aber, räumt sie ein, „ist noch ein weiter Weg.“

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