Debatte über die Aussagekraft seiner Kritik und Analysen für die Probleme der heutigen Zeit

„Kein Denkmal“ für Karl Marx

Nein, ein Denkmal wolle man Karl Marx an diesem Abend nicht errichten, so Dr. Thomas Steinforth, Referent für Ethik in Wirtschaft und Gesellschaft im HPH, in seiner Einführung in den Gesprächsabend „200 Jahre Karl Marx und die Zukunft des Kapitalismus.“

„Aber mal zu denken und auch kritisch über Wirtschaft und Gesellschaft nachzudenken, dazu bietet Marx immer noch Anstoß und Anregung“, so Steinforth weiter.  Elisabeth Vanderheiden, Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) Rheinland-Pfalz, eröffnete den Vortrags- und Gesprächsabend. Auch für die KEB Rheinland-Pfalz sei die Auseinandersetzung mit Karl Marx ein spannendes Thema, unter anderem unter dem Aspekt: „Was macht die eigene Arbeit wertvoll und wodurch wird sie möglicherweise sogar sinnstiftend?“ Sie verwies dabei auch auf die Aktivitäten von katholischen Erwachsenenbildungseinrichtungen anlässlich des Karl-Marx- Jubiläumsjahres, die sich nicht zuletzt dem Wert der Arbeit widmeten.

Steinforth erinnerte an die berühmte Marx-Kritik an „Verhältnissen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Sie werfe auch heute Fragen auf. Zwar habe es in der Zwischenzeit große Fortschritte in der „Einhegung und sozialen Temperierung“ des Kapitalismus gegeben. Zugleich aber gebe es Probleme und gefährliche Entwicklungen. Steinforth verwies auf die Erosion tarifvertraglicher Bindungen, auf die Prekarisierung bislang abgesicherter Arbeitsverhältnisse, auf die Ballung ökonomischer Macht bei global auftretenden Konzernen oder auch auf die Folgen der Digitalisierung: „Wie gehen wir um mit Menschen, deren Fähigkeiten entwertet werden und die nicht mehr gebraucht werden?

Werden sie – wie Marx sagt – zu ‚verächtlichen Wesen‘, die vielleicht noch gut versorgt, aber nicht mehr anerkannt werden?“, nannte er einige Fragen unserer Zeit. Wichtig sei es auch, in der Bewertung unseres Lebens- und Wirtschaftsstils den „Blick räumlich und zeitlich zu weiten“, denn: „Wir leben auf Kosten von Menschen in anderen Teilen der Welt und auf Kosten der künftigen Generationen“. Notwendig sei daher beispielsweise die „Externalisierung von Kosten, also das Abwälzen von Folgeproblemen auf Andere“ aufzuheben, indem Ressourcenverbrauch und Umweltschädigung von den Verursachern zu bezahlen seien.

Auch Prof. Dr. Salvatore Barbaro, Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur und Hauptreferent des Abends, forderte, dass Kosten von denen zu tragen seien, die sie verursachen. Das sei ökonomisch sinnvoll und müsse politisch durchgesetzt werden. Mit Blick auf Marx wandte sich Barbaro gegen Versuche, Marx für „politische Verbrechen“ verantwortlich zu machen, die Jahrzehnte nach ihm begangen worden seien. Ebenso falsch sei es aber, Marx als „Propheten“ zu lesen und seine Werke zu einer „Bibel“ zu machen. Marx komme herausragende Bedeutung zu, wirtschaftliche Zusammenhänge des 19. Jahrhunderts analysiert und die soziale Frage in den Vordergrund der politischen Debatte gebracht zu haben. Als Ökonom halte er die ökonomischen Analysen von Marx jedoch für nicht mehr geeignet, die Wirtschaft von heute zu verstehen.

In der Diskussion sprach sich Barbaro dafür aus, keine ideologischen Grundsatzdebatten zu führen, sondern pragmatische und ökonomisch vernünftige Antworten auf Probleme zu geben. Wenn sich z.B. zeige, dass man den Bedarf an ausreichendem und bezahlbarem Wohnraum nicht allein über den Markt abdecken könne, brauche es eben politische Lösungen.

Wichtig sei auch, den „Primat der Politik“ gegen die Konzentration wirtschaftlicher Macht durchzusetzen. Die jüngsten Entscheidungen etwa im Diesel-Streit seien ein schlechtes Beispiel dafür. Lebhaft diskutiert wurde vor allem die Verantwortung der Verbraucher: Barbaro vertrat die Ansicht, dass man beispielsweise Strategien der Steuervermeidung durch global agierende Unternehmen politisch viel wirksamer verhindern müsse, als es heute der Fall sei. Allerdings könnten und sollten auch die Verbraucher etwas tun, indem sie diese Unternehmen boykottieren. Bei allem politischen Handlungsbedarf sei eben auch die „Verantwortungsethik von uns allen“ gefragt.

Ein Fazit des Abends:  Mit Marx lassen sich vielleicht keine Antworten mehr finden, aber doch immer noch wichtige Fragen stellen.

Auf dem Foto (von links): Prof. Dr. Salvatore Barbaro, Elisabeth Vanderheiden, Dr. Thomas Steinforth

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