Was Palliativmedizin und Palliativpflege am Lebensende für uns tun können

„Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Sterben unter würdigen Bedingungen“

Wie sterben wir? Wie wollen wir sterben? Und was können Palliativmedizin und Palliativpflege für uns tun? Darüber hat am 15. Januar Privatdozent Dr. Matthias Schuler, Chefarzt am Diakonissenkrankenhaus Mannheim und Facharzt für Innere Medizin, Geriatrie, Schmerztherapie, physikalische Therapie und Palliativmedizin im Heinrich Pesch Haus gesprochen.
Es ist ein Thema, das die Menschen bewegt. Rund 50 Teilnehmende waren zum zweiten Vortrag der Veranstaltungsreihe „Im Angesicht der Ewigkeit“ gekommen, die in Kooperation mit dem Verein der Freunde und Förderer des Heinrich Pesch Hauses durchgeführt wird. „Zu einem guten Leben gehört auch, sich Rechenschaft abzulegen über die Ränder des Lebens“, sagte der Direktor des Heinrich Pesch Hauses, Pater Tobias Zimmermann SJ. Es gehöre zum Leben dazu, sich mit dem eigenen Lebensende auseinanderzusetzen, ergänzte Birgit Meid-Kappner, Bildungsreferentin im HPH. Sie freute sich besonders über einige jüngere Teilnehmende.

Was heißt palliativ?

Der Begriff palliativ kommt vom lateinischen „pallium“ – der Mantel. „Palliativ bedeutet umhüllen, bedecken, beschützen“, erläuterte Matthias Schuler. In der Medizin verstehe man darunter keine Heilung, sondern eine Linderung der Symptome und Beschwerden.

Grundsätze der Palliativmedizin

„Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Sterben unter würdigen Bedingungen“. So steht es in der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland aus dem Jahr 2010. Die Grundsätze der Bundesärztekammer zur Sterbebegleitung verpflichten Ärzte, Patientenleben zu erhalten, Gesundheit zu schützen und wieder herzustellen, aber auch Leiden zu lindern und Sterbenden bis zum Tod beizustehen. „Die ärztliche Verpflichtung zur Lebenserhaltung besteht daher nicht unter allen Umständen“, betonte der Chefarzt. „Leiden zu lindern und bis in den Tod zu begleiten – das kommt in der Medizinerausbildung immer noch zu kurz“, räumte er ein. Aber auch diese Punkte gehören dazu. Bei der Palliativmedizin und –pflege stehe nicht das medizinisch-technisch Machbare im Vordergrund, sondern das medizinisch-ethisch Vertretbare.

Phasen am Lebensende

Matthias Schuler stellte den Teilnehmenden die vier Phasen am Lebensende vor. Am Anfang steht die häufig noch sehr lange Rehabilitationsphase. Auch bei Schwersterkrankungen ist ein weitgehend selbstständiges Leben möglich. Der Patient kann noch Monate bis Jahre leben. Es folgt die Präterminalphase. Nun ist das Leiden weit fortgeschritten und bringt starke Einschränkungen mit sich. Der Patient ist erheblich pflegebedürftig und hat noch wenige Wochen zu leben. Die Terminalphase ist von einer völligen Einschränkung und zunehmenden Minderung der Wachheit gekennzeichnet. Die Lebenserwartung beträgt wenige Tage bis zu einer Woche. Die Finalphase ist die Sterbephase. „Der Todeseintritt ist in kurzer Zeit zu erwarten“, erläuterte Schuler.

Wie sterben wir?

Die meisten Menschen möchten plötzlich und unerwartet sterben. „Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander“, informierte der Chefarzt. Nur etwa 8 bis 10 Prozent der Menschen sterben plötzlich, die Mehrheit erleidet einen „mittelschnellen Tod bei chronischer Erkrankung“. Augenfällig ist der etwa 40 Prozent betragende Anteil der Menschen, die mit einer Demenzerkrankung sterben. „Da muss sich die Gesellschaft überall darauf einstellen, denn wir werden immer älter und das Risiko steigt mit dem Alter“, sagte er.

Einblicke in die Palliativpflege

Die Palliativmedizin und –pflege stellt die Symptomlinderung in den Vordergrund. „Palliativpflege kann überall stattfinden“, betonte Matthias Schuler. Eine menschenwürdige Unterbringung sei wichtig – daher hat zum Beispiel die Palliativstation im Mannheimer Diakonissenkrankenhaus auch nur Einzelzimmer. Wichtig ist die Schmerzlinderung. Hier gibt es eine große Auswahl an Möglichkeiten, ebenso bei der Bekämpfung von Übelkeit und Atemnot. Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr gehören am Lebensende nicht zur Basisbetreuung der Patienten. Der Grund: „Sterbende werden gerade durch Flüssigkeitszufuhr unverhältnismäßig belastet. Flüssigkeitsgabe über die Vene macht eher Symptome denn sie zu lindern“, erläuterte der Chefarzt. Und Appetit und Hungergefühl sei in den letzten Lebensphasen nur gering ausgeprägt. Wichtig sei eine gute Mundpflege, um das Durstgefühl zu mindern.
„Eine Palliativstation ist entgegen landläufiger Meinung keine Sterbestation“, räumte der Mediziner mit einem Vorurteil auf. Ziel der Palliativstation ist es, die Symptome zu lindern, um die Patienten dann gut versorgt zu entlassen. 70 Prozent seiner Patienten werden entlassen.

Stichwort Sterbehilfe

Klare Worte fand Matthias Schuler zur Sterbehilfe. Gerade in der Palliativmedizin komme es immer mal wieder vor, dass Menschen die Ärzte darum bitten. „Wir dürfen keine aktive Sterbehilfe leisten. Ich bin dankbar für die glasklaren Gesetze“, betonte er.

Viele Fragen

Die anschließende rege Diskussion zeigte das große Interesse der Teilnehmenden. So wurde zum Beispiel nach den Kriterien für eine Palliativbehandlung gefragt. „Das nahe Lebensende muss vorhanden sein und eine klare Ausrichtung der Behandlung in Richtung Symptomlinderung“, sagte Schuler. Er erläuterte auch den Unterschied zwischen einem Hospiz und einer Palliativstation. Während die Palliativstation Menschen entlassen muss, ist das Hospiz nicht zu Entlassungen verpflichtet. Auch sei die Arbeit dort mehr Lebens- und Wünsche-orientiert.

Der nächste Vortrag in der Reihe „Im Angesicht der Ewigkeit“ findet am 11. März um 19 Uhr statt. Das Thema: Was wir am Lebensende regeln sollten – Fragen und Antworten zu einer verantwortungsvollen und gut informierten Nachlassregelung.

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