Kontroverse am Aschermittwoch: „Perspektive Europa - Braucht Wirtschaft Grenzen?“

Für einen Blick auf den „Mehrwert“ – gegen das Bemühen um Vereinheitlichung

Worin besteht der Mehrwert der Europäischen Union für die Mitgliedsländer und die Bürgerinnen und Bürger? Wollen wir ein Europa, in dem alles vereinheitlicht werden soll, oder haben wir darüber vergessen, wofür wir es gegründet haben? – Das waren die beiden grundlegenden Fragen der beiden Referenten bei der „Kontroverse am Aschermittwoch“.

Thema in diesem Jahr war die Frage nach der „Perspektive Europa: Braucht Wirtschaft Grenzen?“ Die Referenten, das waren Professor Dr. Friedrich Heinemann und Gilles Untereiner. Der eine – Prof. Heinemann –  erläuterte als Forschungsleiter am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, bei welchen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen „Europa“ einen Mehrwert bietet. Der Andere – der Unternehmensberater  und Geschäftsführer der „Chambre Commerce Francaise en Allemagne“  Gilles Untereiner – betonte, dass nationale Unterschiede in Kultur und Wirtschaftshandeln bei allen europäischen Entscheidungen berücksichtigt werden müssen.

Die „Kontroverse am Aschermittwoch“ ist eine Kooperationsveranstaltung mit den Wirtschaftsjunioren Mannheim-Ludwigshafen, der Evangelischen Akademie der Pfalz und  dem Fachbereich „Kirche und Wirtschaft“ in der Erzdiözese Freiburg.

Prof. Heinemann stellte in seinem Eingangsstatement klar, dass angesichts der vielen Krisen und Herausforderungen, denen sich die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten gegenüber sehen, nicht die Frage gestellt werden darf nach einem „Mehr oder weniger EU“; vielmehr müsse man auf den „Mehrwert“ schauen. Das könne man anhand von drei Kriterien: ähnliche Denkweisen und Präferenzen der Menschen in den Mitgliedsstaaten, Kostenfaktor –  also „Kann Europa das billiger“? – sowie den grenzüberschreitenden Effekten. Im Falle einer gemeinsamen Verteidigung könne die EU in allen drei  Aspekten punkten, im Hinblick auf die Agrarpolitik dagegen in keinem einzigen.

Unter diesen Gesichtspunkten werde die Diskussion um die Zukunft der EU „ganz interessant“, zumal sie dringend geführt werden müsse: „Diesen Ansatz brauchen wir für eine größere Akzeptanz der Menschen für Europa.“

Gilles Untereiner wählte einen anderen Einstieg für seinen Kurzvortrag. Kurzweilig erläuterte er, was da aufeinander prallt, wenn deutsche und französische Unternehmer und Unternehmen gemeinsam wirtschaften sollen oder wollen. Da er in seiner Funktion bereits weit mehr als 1300 französische Unternehmen erfolgreich in Deutschland gegründet hat, weiß er viel über interkulturelle Ähnlichkeiten, Unterschiede und Gegensätze zu berichten. Sein Fazit aus seinen Erfahrungen: Die Unterschiede sind teils sehr gewichtig und werden es bleiben. Demzufolge müssten sie von beiden Seiten toleriert werden, man müsse für die Gegenseite Verständnis aufbringen, denn: „Nur gemeinsame Interessen halten uns zusammen.“ Aus diesem Grund brauche es „solide Institutionen“ in Europa, um Egoismen in Schach zu halten, gegensätzliche Sichtweisen in Einklang zu bringen und internationale Verträge aushandeln zu können. Ziel dürfe nicht sein, dass sich nationale Eigenheiten normalisieren und harmonisieren – sondern vor allem das Besinnen darauf, wozu Europa wichtig ist, und warum die EU überhaupt gegründet wurde.

Zwei unterschiedliche Betrachtungen von Europa, die in der folgenden lebhaften Debatte dennoch nicht ganz konträr waren. Die Fragen aus dem Publikum waren beispielsweise: Warum gelingt es nicht, dass die EU wichtige Themen gemeinsam in die Hand nimmt? Ist der „Brexit“ ein emotionales oder ökonomisches Problem? Ist Europa für den weltweiten Wettbewerb gut aufgestellt, kann es ökologische Herausforderungen meistern, und bekommt es die Schwierigkeiten des Geldmarktes in den Griff? Auch die Frage nach den Grenzen für Migration kam an diesem Abend auf.

Prophetisch wollten beide Referenten nicht werden. Aber sie wagten einen vorsichtigen Blick in die Zukunft. Gilles Untereiner vertritt die Auffassung, dass die gemeinsamen Interessen ein „solider Zement“ seien, dass die gemeinsamen politischen Interessen die Mitgliedsländer zusammen schweißen, und dass neue Herausforderungen dann zu meistern sind, wenn Unterschiede akzeptiert werden.

Prof. Heinemann hofft auf einige Erfolge in näherer Zukunft, etwa eine gemeinsame militärische Eingreiftruppe oder eine gebündelte Entwicklungshilfe. Für die meistern Entwicklungen brauche die EU aber noch viel Zeit.

brid / 15.02.2018

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