Vortrag über Theresa von Avila mit Pater Ulrich Dobhan

„Eine Frau, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand“

Höflich, aber direkt schrieb sie, machte aus ihrer Meinung keinen Hehl: „500 Jahre Teresa von Avila: Bedeutung ihrer Briefe – Gestern und heute“ lautete der Titel einer Veranstaltung des Forums Katholische Akademie mit dem Heinrich Pesch Haus im Friedrich-Spee-Haus.

Pater Ulrich Dobhan machte deutlich, dass Teresa nicht nur Ordensgründerin und Mystikerin war, sondern auch eine Frau, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand. Der Provinzial des Teresianischen Karmel in Deutschland ist ausgewiesener Teresa-von-Avila-Fachmann. Er übersetzte und bearbeitete zahlreiche ihrer Schriften. „Es gibt kaum einen Kenner wie ihn“, stellte Ulrike Gentner, stellvertretende Direktorin des HPH, den Gast aus München vor.

„Teresa hat keine geistigen Briefe im engen Sinn geschrieben“, erklärte Pater Ulrich, „aber nirgendwo lernt man sie als Mensch so gut kennen.“ In den Briefen gehe es ums Alltagsleben, aber nicht ohne Hintergründe. „Briefe sind eine Art narrative Theologie“, meinte der Münchner. Bevor er Kostproben gab, erläuterte er seinen rund 50 Zuhörern geschichtliche und familiäre Hintergründe, ging zum Beispiel auf Teresas jüdische Wurzeln ein: Während der Reconquista konvertierte ihr Großvater vom Judentum zum Christentum.

Der Referent veranschaulichte den immensen Umfang von Teresas schriftlichem Nachlass: Beinahe die Hälfte ihrer überlieferten Schriften sind Briefe. Insgesamt 480 – Fragmente eingeschlossen – sind erhalten. Experten schätzen aber, dass Teresa 15.000 bis 25.000 Briefe in ihren letzten 15 Lebensjahren verfasst hat. „Das ist eine unglaubliche Leistung“, zollte Pater Ulrich Respekt. Das beeindruckte auch das Publikum. Wie konnte sie das neben Beten und all ihren übrigen Aufgaben schaffen?, lautete die Frage eines Zuhörers. Teresa verfolgte das innere Beten, antwortete Pater Ulrich. Ihr sei es nicht darum gegangen, ein bestimmtes Pensum an Gebeten zu erreichen. „Beten ist Lieben“, erklärte Pater Ulrich Teresas Leitgedanken.

Pater Ulrich zitierte nicht nur, sondern erläuterte auch die Bedingungen, unter denen sie Briefe schrieb und verschickte. Er zeigte auf, wie Teresa am Fenster in der Hocke saß, um in der Dämmerung die letzten Sonnenstrahlen zu erhaschen. Bis spät in die Nacht habe sie den Federkiel in der Hand gehalten. Königliche Post, Fuhrknechte, Mauleseltreiber, Privatkuriere, Freunde und Verwandte: „Teresa hatte sich ein eigenes Postnetz aufgebaut.“ Für ihre Klostergründungen habe sie gezielt Orte ausgewählt, die über ein Postamt verfügten.

Freunde, Mitarbeiter, Förderer, Hochadlige und König, Stifter, zum Christentum zwangskonvertierte Juden: Sie schrieb „an Hinz und Kunz, an alle möglichen Menschen“, sagte Pater Ulrich. In Korrespondenzen mit Bischöfen und Theologen habe sich Teresa nicht etwa Rat geholt – im Gegenteil: „Sie las ihnen die Leviten, wurde zu ihrer Lehrmeisterin.“

Was Teresa vor mehr als 400 Jahren schrieb, klingt in heutigen Ohren mutig und modern. Sie wurde auch gerne ironisch. Die Ordensfrau griff in ihren Schreiben religiös-politische Ergebnisse auf, etwa das Massaker an den Hugenotten in Paris im Jahr 1572, das als Bartholomäusnacht bekannt ist. Pater Ulrich verriet, wie geschickt Teresa Briefe zustellen ließ. Denn sie wusste, dass die Nachrichten auch abgefangen wurden. Mal versandte sie die Briefe in mehreren Exemplaren, mal verwendete sie Decknamen für Personen. Der Empfänger wusste das zu deuten. Ein Verbot, dass Ordensfrauen keine Briefe empfangen durften, umging sie: Sie ließ ihnen die Nachricht von einem Vertrauten vorlesen.

Nicht zuletzt setzte sich Teresa für Frauen ein. „Frauen wurden in der damaligen Kirchengesellschaft grundsätzlich diskriminiert“, betonte Pater Ulrich. Teresa waren viele Dinge versagt, weil sie eine Frau war. „Aber sie resignierte nicht, sondern schrieb an ihren Ordensgeneral.“ Sie sprach sich für eine Besserstellung der Frauen ein – im festen Glauben an Maria und Jesus. „Herr, dir hat es vor den Frauen nicht gegraust, als du durch diese Welt zogest“, las Pater Ulrich vor und schloss seinen Vortrag mit dem Teresa-Zitat: „Es gibt keinen Grund, mutige und starke Seelen zu übersehen – und seien es die der Frauen.“

Text/Foto: Yvette Wagner /Pressestelle BO Speyer

  • << Dez 2020 >>
    MDMDFSS
    30 1 2 3 4 5 6
    7 8 9 10 11 12 13
    14 15 16 17 18 19 20
    21 22 23 24 25 26 27
    28 29 30 31 1 2 3
  • Initiative Transparente Zivilgesellschaft

    transparente_zivilgesellschaftpngSelbstverpflichtungserklärung (SVE) der Initiative Transparente Zivilgesellschaft (ITZ) >>mehr erfahren
  • Mahlze!t LU

      Seit dem 6. April bietet das Heinrich Pesch Haus jeden Tag eine warme Mahlzeit für bedürftige Menschen an. Da mit diesem Angebot aber Familien nicht erreicht werden, macht sich Mahlze!t LU nun auf den Weg >> erfahren Sie mehr
  • Ihr Klick bewirkt Gutes!

    Wenn Sie uns einfach und unkompliziert unterstützen wollen, dann können Sie das künftig über die beiden Portale „Schulengel“ und „Gooding“ tun. Bei beiden handelt es sich um ein Spendennetzwerk, dem sich viele Versandhändler angeschlossen haben. Die daran beteiligten Unternehmen zahlen für jeden Einkauf eine Provision – in unserem Fall für unsere Familienbildung im Heinrich Pesch Haus.