Ludwigshafener Gespräche über den Zusammenhang von Wachstum, Wohlstand und Glück

„Die Menschen sind nicht glücklicher, wenn wir mehr Wachstum haben“

Renate Künast, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90 / Die Grünen, mag Vögel und denkt gerne in Werkzeugkästen. Was sich zunächst seltsam anhört, untermauerte die Politikerin bei ihren Ausführungen bei den Ludwigshafener Gesprächen, die sich in diesem Jahr um die Frage drehten: „Wachstum – Wohlstand – Lebensqualität: Welchen Wohlstand wollen wir?“

Das Bild des Werkzeugkastens benutzte Künast  bei der Frage nach dem Wirken der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestages während der letzten Legislaturperiode. Die Kommission habe zum Nachdenken und Reden gezwungen und sei daher ein Werkzeug gewesen, um auf notwendige Veränderungen hinzuarbeiten. Denn dass es Veränderungen in der Politik und im Lebensstil der Menschen geben müsse, ist für die Grünen-Politikerin unabdingbar: „Wir sind an den Grenzen des Wachstums angekommen“, sagt sie. Aber diese Erkenntnis alleine reiche nicht aus, im Gegenteil: „Jetzt fängt die Arbeit erst an.“

In manchen Fragestellungen war sie sich mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Lars Castellucci aus dem Wahlkreis Wiesloch einig. Das galt etwa für die Frage, ob es Grenzen des Wachstums gebe, und ob für die Definition von Wohlstand Faktoren wie Bruttoinlandsprodukt oder Arbeitslosenquote ausreichen. „Die Menschen sind nicht glücklicher, wenn wir mehr Wachstum haben“, ist er überzeugt, und Wohlstand und Wachstum seien auch nicht gleichzusetzen.

Der Autor und Fernsehjournalist Gert Scobel moderierte die Abendveranstaltung. Seine Aufgabe war es, die Fäden zusammenzuhalten und die Ausführungen der beiden Politiker in Relation zu bringen zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Prof. Dr. Lars Feld, Leiter des Walter Eucken Instituts in Freiburg und einer der fünf Wirtschaftsweisen, und der Sichtweise der Wirtschaft,  vertreten durch Thomas Bruch, Geschäftsführender Gesellschafter der Globus Holding GmbH.

Der Wissenschaftler Feld stellte Faktoren vor, anhand derer das Wachstum einer Gesellschaft und zum Teil der Begriff Wohlstand analysiert werden können. „Sehr wacklig“ werde eine Analyse aber dann, wenn in die Betrachtung nicht-materielle und damit nicht messbare Aspekte wie Teilhabe, Gesundheit, soziale Kontakte oder politisches Mitspracherecht einfließen sollten.  Den von der Fraktion der Grünen geforderte Kompass, der mit vier Indikatoren auskommt, um Aussagen über Wohlstand und Nachhaltigkeit treffen zu können, lehnt der Wirtschaftsweise ab.  Darin enthalten sind ökologische, sozial-ökonomische, ökonomische und gesellschaftliche Aspekte. Diese Konzentration erlaubt nach Meinung Künasts Vorhersagen, die verständlich und kommunizierbar seien.  Sie richteten den Blick „auf das, was sich tut, was sich Menschen wünschen und empfinden“.

Das wirtschaftliche Handeln von Thomas Bruch ist nach seiner Aussage nicht geprägt vom Streben nach „Wachstum als Selbstzweck“.  Sein Ziel sei es vielmehr, das Unternehmen so zu führen, dass die Kunden zufrieden sind und die Mitarbeiter gute Arbeitsbedingungen vorfinden. DAS führe zu wirtschaftlichem Erfolg, ist er überzeugt. Er erhielt für manche Anstrengungen, die Globus  für mehr Mitarbeiterzufriedenheit unternimmt, Lob von Castellucci, denn kein Unternehmen könne sich Mitarbeiter leisten, die innerlich gekündigt haben. „Lebenslanges Lernen und Bildung“ ist nach Prof. Feld unabdingbar für Arbeitszufriedenheit, Entwicklungsmöglichkeit innerhalb des eigenen Unternehmens und damit für persönliches Glück, stellte Prof. Feld in diesem Zusammenhang dar.

Für Künast wiederum war dies zu kurz gegriffen; sie sieht in diesem Feld auch eine wichtige Aufgabe der Politik – und forderte ihrerseits eine „Politik der Ermöglichung“. Damit Menschen sich entwickeln können, brauche es nicht nur mehr Bildung und mehr Zugangsmöglichkeiten dazu, sondern die Gesellschaft müsse Experimentierfreude aushalten, Vielfalt suchen, das Ehrenamt nicht nur begrüßen, sondern begünstigen, und auch Leistungen von Menschen, die nicht mess- und kalkulierbar sind, in Wohlstandsberechnungen einbeziehen.

Schließlich weitete sich der Blick der Diskutanten auf globale Themen. Denn Wohlstand, Nachhaltigkeit und auch Glück dürfe nicht nur national betrachtet werden, forderten die beiden Politiker Künast und Castelluci. Auch in Entwicklungsländern dürfe der Begriff von Wohlstand nicht auf finanzielle Aspekte begrenzt werden, sondern ebenso Faktoren wie Teilhabe, Freiheit und Entwicklungschancen enthalten.

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