Vortragsabend über die Frage, welches Verhältnis von Selbstbestimmung und Fürsorge sterbenden Menschen hilft.

Die Angst vor dem Sterben

Das Recht auf Selbstbestimmung, auch im Sterben – für viele Menschen ist das die Begründung dafür, die Legalisierung der Sterbehilfe zu fordern.

Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe und Mitglied des Deutschen Ethikrats, kann diesen Wunsch einerseits verstehen: Die Menschen haben weniger Angst vor dem Tod als vor dem Sterben, sagt er. Sie haben Angst vor lebenserhaltenden Maßnahmen, die ihr Leiden nur verlängern, Angst, Anderen zu Last zu fallen oder im Sterben zu vereinsamen. Deshalb fordern sie das Recht, Art, Zeitpunkt und Umstände ihres Todes selbst zu bestimmen und sich dabei der Hilfe von Ärzten und Pflegenden zu bedienen.

Schockenhoff war einer der Referenten des Vortragsabends im Heinrich Pesch Haus mit dem Titel: „Sterbehilfe – Hilfe zum oder beim Sterben?“. „Man darf es sich nicht zu leicht machen“, fordert er. Dem Wunsch nach legalisierter Sterbehilfe könne auch eine falsch verstandene Vorstellung von Autonomie zugrunde liegen. Die aber könnte sogar den Druck auf Schwerkranke erhöhen, ihr Leben zu beenden, wenn es keine Aussicht auf Heilung gebe. Schockenhoff kritisiert das damit verbundene Menschenbild, wonach Sterben eine Belastung und der Schwerkranke nicht ein leidender Mensch ist, der der Unterstützung bedarf; in dieser Sichtweise werde Sterben als „medizinischer Zustand“ betrachtet.

„Sterben ist nicht das Ende des Lebens, sondern Teil des Lebens“, führte der Moraltheologe aus. Für ein menschenwürdiges Sterben brauche es Hilfe, die bewusste Annahme des Todes durch den Sterbenden, Begleiter, die geduldig und in einer lebendigen Beziehung aushalten, sowie „Rahmenbedingungen“, die das Sterben erleichtern.

Dass ein menschenwürdiges Sterben möglich ist, das zeige die Hospizbewegung, lobte Schockenhoff. Bei einer „angemessenen räumlichen und menschlichen Umgebung“ werde der Wunsch nach einem Tod auf Verlangen nicht mehr geäußert, ist er überzeugt. Notwendig dafür sei auch ein Umdenken der Ärzte: Deren Kunst diene dem Wohle des Menschen und nicht der Lebensverlängerung um jeden Preis, betonte Schockenhoff. Vielen Ärzten aber falle es schwer, ihre Ohnmacht anzuerkennen – dabei gehe es in der letzten Lebensphase in erster darum, den Sterbenden von Schmerzen, Unruhe- und Angstzuständen zu befreien.

Prof. Dr. Maria Böhmer, Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, war mit Schockenhoff einer Meinung. Sie nannte aus ihrer ganz persönlichen Erfahrung drei Faktoren, um Menschen im Sterben ihre Würde zu erhalten. „Darüber sprechen hilft“, berichtete sie.  Sie fordert die Enttabuisierung von Tod und Sterben, beobachtet aber das genaue Gegenteil: Das Sterben verschwindet aus dem Alltag, die Scheu, es auszuhalten und Beistand zu leisten, wächst. Beschlossen hat der Bundestag zudem, dass Palliativmedizin in die Approbationsordnung des Medizinstudiums aufgenommen worden ist. Sie begrüßt das, denn „gute Absichten der Mediziner führen nicht immer zu Linderung von Schmerz und Leid“, weiß sie. Aber auch die praktizierenden Hausärzte, so ihre Forderung, müssen dabei noch stärker in die Pflicht genommen werden, „denn die sind Tag und Nacht mit der Begleitung von sterbenden Menschen und deren Angehörigen befasst.“ Und schließlich lobte Böhmer das Engagement der ehrenamtlichen Hospizbegleiter, die eine „ungemein wichtige Hilfe“ seien als Ergänzung zu den beruflich Tätigen.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion und Redebeiträgen aus den Reihen der Zuhörer wurde viel aus dem Alltag berichtet. Rolf Kieninger, Leiter des Hospiz Elias in Ludwigshafen, nannte vier Säulen der Hospizarbeit, die ein gutes Sterben ermöglichen können: die palliative Pflege, die palliative Medizin, die spirituelle Begleitung und die psychosoziale Begleitung. Auch er unterstrich die wichtige Arbeit der Ehrenamtlichen und bezeichnete sie als „eine große Stütze“.

Deutlich wurde in den Redebeiträgen aber auch, dass es zwar viele Möglichkeiten gibt, die Sterbenden und ihre Angehörigen im Sterben zu begleiten, „aber die meisten wissen das nicht“, so Kieninger. Zahlreiche Mediziner und in der Palliativpflege Tätigen bemängelten außerdem, wie schwierig der Umgang mit den Krankenkassen und Kostenträgern sei.

Einig waren sich aber alle, dass eine gute Versorgung und Begleitung der Sterbenden und ihrer Angehörigen dazu führe, dass der Wunsch nach einer aktiven Beendigung des Lebens deutlich seltener geäußert wird. Die gesellschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen zu verbessern, das war daher die Hauptforderung des Abends.

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