Gesprächsabend der Heinrich Pesch Stiftung mit Dr. Günther Beckstein

Deutlich mehr Engagement von Christen gefordert

„Wir als engagierte Christen sind für den Zustand der Gesellschaft mit verantwortlich.“ Das war das leidenschaftliche Schlussplädoyer von Dr. Günther Beckstein. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident und Vizepräses der Evangelischen Kirche in Deutschland forderte von katholischen und evangelischen Christen, aktiver in der Gesellschaft zu sein und sich deutlicher zu artikulieren, besonders „in dieser medialen Welt“.

Beckstein sprach auf Einladung der Heinrich Pesch Stiftung über das Thema: „Braucht die moderne Gesellschaft gemeinsame Grundwerte?“ Die Frage bejahte er vehement. Keinen Aspekt ließ er aus, der aus seiner Sicht deutlich macht, wie wichtig eine gemeinsame Werte- und Leitkultur sei. Grundlage dafür sei das Grundgesetz, nach seinen Worten „ein ganz großer Wurf“. Er zitierte die Präambel: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …“ und betonte, dass es sich dabei „um unseren dreieinigen Gott“ handle; er stellte aber nicht in Abrede, dass auch die Auslegung rechtens sei, wenn sich Menschen auf ihre Verantwortung besinnen und zustimmen, „dass der Mensch nicht als Egoist leben darf“.

Beckstein war der erste evangelische Ministerpräsident in Bayern, und trotz seines Engagements in der evangelischen Kirche lobte er bei manchen Themen die strenge Haltung der katholischen Kirche – etwa zur Abtreibung – , kritisierte die evangelischen Kirche als „wandlerisch“ und zu beliebig, und mahnte daher zu Ökumene, in der sich die beiden Kirchen angleichen müssen. Die hohe Zahl an Abtreibungen wegen sozialer Indikation müsse eine Gesellschaft „beschämen“, wetterte er. Er sprach sich für Inklusion aus, die er als „spannenden Prozess“ beschrieb, der noch lange nicht abgeschlossen sei,  aber nicht funktioniere, „wenn es nichts kosten darf“. Er wies auf die in diesem Jahr bevorstehende Gesetzesregelung zur Sterbehilfe hin und lobte, dass sich Politiker einig seien, dass die letzte Lebensphase besser gestaltet werden muss: „Endlich!“ In diesem Zusammenhang drückte er seine Bewunderung für die Hospizarbeit aus – ambulant und stationär -, die es ermögliche, dass Menschen in Würde und Frieden sterben dürfen.

Freiheit als hohes Gut, so Beckstein weiter, sei nicht gleichzusetzen mit Bindungslosigkeit, sondern im Gegenteil an den Respekt vor Anderen gebunden.  An der Bedeutung der Familie im klassischen Sinn – mit Vater, Mutter und Kind – hält er fest, auch wenn er dafür viel Widerspruch erntet. Er räumt ein, dass er seine Einstellung zu frühkindlicher Betreuung außerhalb der Familie geändert hat und wehrt sich dennoch dagegen, dass Familien sich an den Bedürfnissen der Wirtschaft ausrichten müssen.

Die soziale Marktwirtschaft hält er für eine „großartige Sache“, hebt die Sozialleistungen in Deutschland gegenüber anderen Ländern hervor und verweist auf deren Wurzeln: Es war die christliche Soziallehre, die dafür Pate stand und aussagt: „Liebe deinen Nächsten, vor allem, wenn er schwach ist.“ Er bedauert, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter auseinandergeht und fürchtet um die Zukunft, weil „das Land der Dichter und Denker“ bei vielen Innovationen inzwischen abgehängt ist. Im Hinblick auf Ökologie und Nachhaltigkeit betont er: „So wie wir leben, ist es nicht tauglich für acht Milliarden Menschen“.

Becksteins Aussagen blieben bei seinem Vortrag unwidersprochen, dennoch gab es Nachfragen: Ob die Werte, von denen er sprach, vielleicht nur die Werte der Menschen der Nachkriegsgeneration seien? Da ließ er keine Kritik an den jungen Menschen gelten und sprach davon, dass es nicht einen Werteverfall, sondern einen -wandel gebe.  Die angebliche Politikverdrossenheit resultiere vielfach vom schlechten Beispiel der amtierenden (und älteren) Politiker, und erneut sprach er einen wichtigen Aspekt der Kirchen an: „Junge Menschen, die christlich sozialisiert sind, engagieren sich viel häufiger ehrenamtlich.“

Auch auf die Frage nach der Trennung von Kirche und Staat äußerte er eine eindeutige Position und fordert  eine „vertrauensvolle Zusammenarbeit“.  Der Staat und die Gesellschaft profitierten von christlichen Einrichtungen wie Kitas, Krankenhäuser und Schulen, vor allem, wenn diese „einen christlichen Geist rüberbringen.“

Viele Ausführungen schmückte er mit kleinen Anekdoten und Seitenhieben auf politische Freunde und Gegner, aber am Ende appellierte er an die Kirchen: „Wir sind viel zu lasch! Wir schulden der Gesellschaft ein Stück mehr Zeugnis und Aktivität!“

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