Fachforum Flüchtlingshilfe von Caritas, Bistum und Heinrich Pesch Haus über Fürsorge als Kern christlichen Glaubens

„…. dann ist es mein Kind!“

„Flucht nach vorn“ ist ein Filmprojekt von Caritas international. Es begleitet Menschen aus Syrien und anderen Kriegs- und Krisenländern auf ihrer ungewissen, oft lebensgefährlichen Reise nach Deutschland. Es zeigt, mit welchen Erwartungen und Hoffnungen die Menschen kommen. Helferinnen und Helfer der Caritas unterstützen und begleiten die Flüchtlinge auf ihrem Weg in die neue oder vorübergehende Heimat. Gedreht wurde unter anderem in Flüchtlingslagern im Libanon, auf einem Rettungsschiff im Mittelmeer und in deutschen Aufnahmezentren und Flüchtlingsunterkünften.

Der Film eignete sich besonders gut als Einstieg in den Fachtag „Flüchtlingshilfe“, den das Heinrich Pesch Haus gemeinsam mit dem Caritasverband für die Diözese Speyer und dem Bistum veranstaltete. Über 70 Teilnehmer aus ganz unterschiedlichen Einrichtungen und Professionen hatten sich zu diesem Fachtag eingefunden: Caritasbeauftragte aus den Pfarreien, Ehrenamtliche aus der Flüchtlingshilfe, Migrations- und Integrationsbeauftragte, Leitungen von Caritaszentren.

Das gemeinsame Anliegen der Teilnehmer war es, wie die Kirche mit den Themen Abschiebung und Kirchenasyl oder mit den Sorgen und Ängsten der Menschen vor Terror, den Fremden sowie vor Überforderung umgehen und auf fremdenfeindliche Parolen reagieren kann. Domkapitular Karl-Ludwig Hundemer, Vorsitzender des Caritasverbands, griff das in seiner Begrüßung auf mit den Worten: „Kirche sind wir alle!“ Er erinnerte daran, dass die „Task Force Flüchtlingshilfe“ im Bistum im September ihr einjähriges Bestehen feierte und nannte beeindruckende Zahlen, was bisher geleistet wurde. Aber, so Hundemer: „Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, denen geholfen wird, und Menschen, die helfen.“

Im Anschluss an den Film, eine längere Denkpause und eine Ideenbörse stand das Thema Kirchenasyl im Mittelpunkt des Referats von Bernward Hellmanns, Referent des Diözesan-Caritasverbandes für Integration und Migration. „Wenn die begründete Befürchtung besteht, dass ein Flüchtling zu Unrecht abgewiesen wird, zum Beispiel auf Grund von sachlichen Mängeln im Asylverfahren, kann das Kirchenasyl eine Möglichkeit sein, ihm zu seinem Recht zu verhelfen und drohende Menschenrechtsverletzungen abzuwenden“, machte er deutlich. Zugleich könne ein Kirchenasyl, das weder in der deutschen Rechtsordnung noch im katholischen Kirchrecht vorgesehen ist, nur eine „ultima ratio“‘ in Einzelfällen sein. „Ein Kirchenasyl stellt eine große spirituelle, finanzielle und organisatorische Herausforderung für eine Pfarrei dar. Es sollte nicht einfach vom Himmel fallen, sondern das Ergebnis einer reiflichen Überlegung sein.“

Das Bistum hat eine Arbeitsgruppe Kirchenasyl eingerichtet, die die Pfarreien bei der Entscheidungsfindung berät und sie bei der Kommunikation mit den zu beteiligenden kirchlichen und staatlichen Institutionen unterstützt. „Vieles muss dabei bedacht werden, von den Räumlichkeiten über Verpflegung, Kinderschutz, Schulbesuch und Finanzen bis hin zur medizinischen Betreuung“, so Hellmanns, der gleichzeitig unterstrich, dass die Fürsorge für Flüchtlinge zum Kern des christlichen Glaubens und zum Selbstverständnis der Kirche zählt.

Dr. Andreas Fisch, Referent im Sozialinstitut Kommende Dortmund, befasste sich in seinem Vortrag mit „kirchlichen Positionen im gesellschaftlichen Gegenwind“. Er machte deutlich, wie rechtspopulistische Mythen und Äußerungen ihre Wirkung entfalten, und wie ihnen entgegenzutreten ist. Drei wichtige Aspekte sind aus seiner Sicht: widersprechen und richtig stellen, Interessen derjenigen aufdecken, die diese Äußerungen tätigen, und diesen echte und lebendige Erlebnisse gegenüberstellen. Er warnte davor, mit Pauschalaussagen zu argumentieren, „denn die helfen nicht zur Problemlösung“, und machte Mut, „zum Wohle der Gesellschaft“ tatsächliche Probleme zu benennen statt zu beschönigen. Skepsis sei auch angebracht, wenn sich Rechtspopulisten als „Wertefundamentalisten“ zeigten; wichtig sei, in einen fairen Diskurs zu kommen, um Überzeugungen zu werben und den Anderen mit seiner Meinung anzunehmen, statt ihn zu diffamieren.

In der anschließenden Diskussion wurde er mit tatsächlichen Problemen konfrontiert, denen sich ehrenamtliche Helfer und Hauptamtliche ausgesetzt sehen. Er warb bei Fragen wie nach Verschleierung oder Kopftuch oder kulturellen Unterschieden, die eine Integration erschweren, um Ausgewogenheit zwischen Gelassenheit und Entschiedenheit. Anhand vieler Beispiele konnte er die Zuhörer überzeugen, dass beides meist zu Ergebnissen führen kann, mit denen alle Beteiligten umgehen können.
Generalvikar Dr. Franz Jung fasste in seinem Schlusswort viele Informationen des Tages zusammen und setzte sie in Verbindung zum Christsein: „Wie groß muss der Leidensdruck von Menschen sein, dass sie alles zurücklassen und fliehen?“, fragte er – und erinnerte an das Buch „Exodus“, die Flucht der Israeliten aus Ägypten. Er griff auch das Zitat eines Rettungstauchers des privaten Seenotrettungsschiffes Moas auf, der sagte: „Wenn ich ein Kind rette, ist es kein afghanisches oder syrisches Kind, sondern es ist mein Kind.“ – und erinnerte an das Wort von Jesus: „Was ihr dem Geringsten getan habt, ….“

Das Fachforum fand am Vortag des Internationalen Tags des Flüchtlings statt. Und so machten sich die meisten Teilnehmer im Anschluss auf den Weg zum Ludwigshafener Rathauscenter und nahmen dort an einer multireligiösen Gebetsfeier teil. Einen Beitrag dazu lesen Sie auf der Homepage des katholischen Dekanats Ludwigshafen.

Text: Brigitte Deiters, Markus Herr / 30.09.2016
Foto: Horst Heib

 

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