“Damit den Worten Taten folgen können”
04.03.2022

“Damit den Worten Taten folgen können”

Die drei Keynote-Sprecher gaben Einblicke in die Situation an Schulen in Irland, Spanien und Deutschland.

Kinderschutztagung des europäischen Jesuiten-Schulnetzwerks JECSE im HPH

Agnieszka Baran, Leiterin des Jesuit European Committee for Primary and Secondary Education (JECSE), und Ulrike Gentner, Leiterin des Zentrums für Ignatianische Pädagogik (ZIP) am Ludwigshafener Heinrich Pesch Haus, begrüßten die 130 Teilnehmer*innen, die aus 23 Ländern zur Safeguarding-Konferenz angereist waren oder sich online zugeschaltet hatten. „Es geht um den Schutz unserer Jugendlichen an den Schulen“, benannte Agniezska Baran das Ziel der Konferenz. Daher sei die große Zahl der Teilnehmenden sehr erfreulich, die während der Konferenz gemeinsam erarbeiten, wie ein sicheres und positives Umfeld in den Schulen geschaffen werden könne. Ulrike Gentner betonte, wie wichtig neben Fachinformationen der Austausch und das Lernen von und miteinander sind, um zielführende Erkenntnisse in den Schulalltag mitzunehmen.

Echte Kultur des Schutzes in Schulen notwendig

Nach einer gemeinsamen Gedenkminute für die Menschen, die vom Krieg in der Ukraine betroffen sind, eröffnete José Mesa SJ, Secretary for Education, Society of Jesus, Rom, die Konferenz. Diese sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, „denn ohne eine echte Kultur des Schutzes in unseren Schulen kann eine jesuitische Bildung ihrem Versprechen nicht gerecht werden“. Bei der Bildung gehe es um die Bildung der gesamten Person. Dies sei ohne ein sicheres Umfeld und eine Kultur der Achtung nicht möglich. „Wir wissen, dass wir diesem Anspruch in der Vergangenheit oft nicht gerecht geworden sind“, räumte Mesa ein. „Wir müssen es schaffen, junge Menschen zu schützen und Missbrauch zu vermeiden.“ Daher sei diese Konferenz so wichtig – „damit den Worten Taten folgen können.“

„Aufruf zu wahrer Umkehr“

Online schaltete sich Franck Janin SJ, President Jesuit Conference of European Provincials, Brüssel zu. In seinem Grußwort wies er darauf hin, dass das Bewusstsein für Missbrauch in den letzten Jahren bereits stärker geworden sei. „Wir haben ein klares Protokoll und Leitlinien zum Schutz junger Menschen erarbeitet“, betonte er. Doch stelle das Zeugnis missbrauchter Kinder und Menschen große Fragen an uns: „Wir sind aufgerufen, hier eine Kultur des Schutzes und der  Integrität zu errichten“, forderte er. Dabei gehe es um eine Veränderung der Kultur, um tiefgreifende Veränderungen der Gewohnheiten, wie wir miteinander sprechen und uns repektieren. Die Konferenz bezeichnete er als einen Beginn in diesem Prozess, sie sei „ein Aufruf zu wahrer Umkehr“.

Systemische Rahmenbedingungen ermöglichen Missbrauch

Mit drei Keynotes begann danach der inhaltliche Einstieg in das Konferenzthema. Brian Flannery, Deputy Director JECSE, Dublin, Susana Pradera, Provincia de Espana, und Klaus Mertes SJ, ehemaliger Rektor des Canisius Kolleg in Berlin, gaben Einblicke in die jeweilige Situation. Alle betonten die systemischen Rahmenbedingungen, die Missbrauch möglich machen und verändert werden müssen. Dazu gehöre auch die ungleiche Verteilung von Macht in Schule und Erziehung.

Die irische Perspektive

Brian Flannery sprach über die zentrale Bedeutung der cura personalis in der jesuitischen Erziehung und dass dies ein Wert sei, an dem die Schulgemeinschaft aktiv und kontinuierlich arbeiten müsse. Die jüngste Geschichte des Missbrauchs in Irland sei ein „schreckliches Kapitel in unserer Geschichte”. Die Fürsorge, die Kinder und Familien in unseren Schulen hätten erwarten sollen, sei in einigen Fällen auf tragische Weise nicht vorhanden gewesen. Die Skandale weckten jedoch das Bewusstsein dafür, worauf es wirklich ankommt, und verstärkten die Bemühungen um die Ausbildung der Lehrer und die Stärkung der Schüler. Man habe daraus gelernt, wie wichtig es sei, offen und ehrlich mit jungen Menschen über dieses Thema zu sprechen. Heutzutage verfügen die Schulen in Irland über sehr strenge Protokolle und Strategien, und jeder ist über die Verfahren zur Bekämpfung von Missbrauch informiert, die in Fällen von gemeldeten oder vermuteten Misshandlungen einzuhalten sind. Auf diese Weise, so Flannery, stehe cura personalis als Kernwert der jesuitischen Ausbildung und Erziehung immer im Mittelpunkt. „Wir bauen bewusst eine Kultur auf, die auf einer tiefen Achtung vor dem Menschen basiert.” Machtmissbrauch und Missbrauch aller Art seien kein Thema, das nur die Kirche betreffe, sondern ein gesamtgesellschaftliches Thema. „Die Reform aller unserer Institutionen ist ein fortlaufender Prozess.“

Sich mit Kopf und Herz auf den Weg machen

Dem stimmte auch Susana Pradera in ihrer Keynote zu. Der sexuelle Missbrauch sei nur die Spitze des Eisbergs. „Wir müssen uns verantworten für den Schaden, den wir angerichtet haben, aber auch für die Zukunft“, sagte sie. Dazu gehöre auch, dass wir uns bewusster über alle möglichen Missbrauchsarten werden. In Spanien gebe es bereits an jeder Schule einen Ansprechpartner für ein sicheres Umfeld. Allerdings, so räumte sie ein, seien die Maßnahmen nicht ausreichend. „Wir müssen den Menschen zuhören“, sagte sie, aber es brauche auch Werkzeuge und Ressourcen, Fortbildungen und Schulungen, um Missbräuche zu vermeiden. Eine persönliche und institutionelle Umwandlung seien dazu erforderlich. „Wir müssen uns berühren lassen, danach müssen wir Kopf und Herz einsetzen“, forderte sie. Jedes Land habe dabei eine andere Geschwindigkeit.

Blick nach vorne erfordert den Blick in die Vergangenheit

Klaus Mertes SJ berichtete zum Abschluss des Abends über die Aufdeckung von Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg im Jahr 2010, als er Direktor der Schule war. Mit sehr deutlichen Worten schilderte er den sexuellen Missbrauch von Schülern durch zwei Patres, die ein System von Missbrauch aufgebaut hatten. „Wenn man Kinder schützen möchte, muss man den Mechanismus des Schweigens und Vertuschens verstehen“, gab er den Zuhörer*innen mit auf den Weg. Und: „Man kann nicht nach vorne schauen, wenn man nicht zuerst in die Vergangenheit blickt“. Zudem könne es ohne Vertrauen zu den Opfern keine Aufarbeitung geben. Er habe gelernt, dass eine Schule erst dann über Kinderschutz zu sprechen beginne, wenn es wirklich einen Missbrauchsfall gebe – in der Vergangenheit oder Gegenwart. Doch es reiche nicht aus, sich mit Prävention zu befassen, sondern eine Schule müsse auch vorbereitet sein, wenn es zu Verdachtsfällen komme. Leider gebe es die Tatsache, dass Schulen lieber ihren guten Ruf schützen als die Opfer. „Eine gute Präventionsarbeit führt zu einer qualitativ besseren pädagogischen Arbeit“, hob er hervor. (ako)